Psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen: Nur jedes dritte Kind kommt mit der Corona-Situation gut zurecht – Schulstart braucht mehr als Testkits

Die Corona-Pandemie trifft insbesondere Kinder hart und führt zu großen psychischen Belastungen und Herausforderungen im Schulalltag. Während der Pandemie ist die Nachfrage nach Beratung und Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche um rund 60 Prozent in Hessen und im Bund gestiegen. Dadurch haben sich die Wartezeiten für Therapieplätze weiter erhöht. Nach einem digitalen Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern der Hessischen Psychotherapeutenkammer und des Berufsverbands Hessischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen über die Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche, erklären wir:

„Bei 20 bis 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler besteht mittlerweile akuter Handlungsbedarf, weil sich psychische und soziale Probleme manifestieren. Ein weiteres Drittel empfindet die Situation als belastend. Diese Schülerinnen und Schüler könnten mit Beratung durchaus erreicht werden, aber in Hessen fehlt eine Bündelung, beziehungsweise eine zentrale Internetseite für Selbsthilfe-Angebote. Nur ein Drittel der Schülerinnen und Schüler kommt mit der aktuellen Situation gut zurecht und damit auch gut durch die Krise. Das sind erschreckende Zahlen, die ein sofortiges Gegensteuern erforderlich machen.“

Insbesondere zum Schulstart nach den Osterferien müsse eine Auseinandersetzung mit der psychischen Gesundheit der Schülerinnen und Schüler erfolgen. Die häufigsten Probleme seien Depressionen, Angststörungen und Internet Gaming-Disorder (Computerspielsucht zuhause). „Viele Schülerinnen und Schüler tauchen dann einfach ab und sind kaum noch erreichbar. Was helfen würde – da sind wir uns mit Psychotherapeuten und Schulpsychologen einig – ist ein konsequentes Wechselmodell an den hessischen Schulen. Mit ein bis zwei Präsenztagen für alle Schülerinnen und Schüler in der Woche, könnte schon viel erreicht werden. Es würden wieder mehr soziale Kontakte möglich und es würde dem Alltag der Kinder und Jugendliche wieder mehr Struktur geben, die auch für das Lernen nach der Pandemie extrem wichtig ist.“

Ein Teil der aktuellen Probleme hinge mit der von der Landesregierung verschlafenen Digitalisierung zusammen. Mit interaktiven Lernplattformen könne einem Abtauchen von Schülerinnen und Schülern entgegengewirkt werden. „Einfach Arbeitsblätter zu verschicken, wie wir es leider noch an vielen Schulen erleben müssen, hilft da nur wenig. Das Kultusministerium darf sich nicht darauf ausruhen, bestimmte Hard- und Software zu erlauben, sondern es muss endlich klare Empfehlungen geben und vor allem die Lehrkräfte entsprechend fortbilden.“ Insgesamt kritisierten wir die fehlende Unterstützung von Lehrkräften bei der Bewältigung der aktuellen Situation. „Unsere Lehrerinnen und Lehrer müssen derzeit viele zusätzliche Aufgaben schultern und sind nun auch noch mit der Begleitung der Testungen beauftragt. Ihre wichtigste Aufgabe ist jedoch die Förderung der Schülerinnen und Schüler – das darf nicht unter den Tisch fallen.“